KI-Stimme und WhatsApp-Fake: Fideuram-Präsident überweist 95 Millionen Euro
Beim italienischen Private-Banking-Institut Fideuram hat der damalige Präsident im Februar 2026 nach einer gefälschten WhatsApp-Nachricht des Intesa-Chefs und einem Anruf mit KI-geklonter Anwaltsstimme rund 95 Millionen Euro überweisen lassen. Mehr als die Hälfte kam zurück. Für Unternehmen zählt vor allem der Prozess: Vier-Augen-Prinzip, Rückruf auf bekannte Nummern und Codewörter.

Betroffen von dieser Masche ist jedes Unternehmen, in dem eine einzelne Person mit Autorität eine Zahlung anstoßen kann und die Freigabe am Ende auf Vertrauen in eine Stimme oder eine Chatnachricht beruht. Das gilt für Konzerne ebenso wie für den Handwerksbetrieb mit Onlinebanking. Nicht betroffen im engeren Sinn sind Organisationen, deren Zahlungsprozess technisch zwei unabhängige Freigaben erzwingt und bei Abweichungen einen Rückruf über hinterlegte Nummern vorschreibt.
Eine Notfallmaßnahme ist heute nicht nötig, eine Prüfung aber schon: Wer diese Woche nur eine Sache angeht, sollte klären, ob bei Ihnen eine einzelne Person eine Auslandsüberweisung in beliebiger Höhe freigeben kann, und ob es eine verbindliche Regel gibt, wie ungewöhnliche Zahlungsaufträge über einen zweiten Kanal bestätigt werden. Der italienische Fall zeigt, dass eine KI-gefälschte Stimme dabei nicht das Kernproblem ist, sondern der Prozess, der ihr vertraut.
Was ist passiert?
Italienische Medien haben ab dem 25. September 2026 einen Betrugsfall bei Fideuram öffentlich gemacht, der Privatbank-Tochter von Intesa Sanpaolo. Grundlage ist nach Angaben von Corriere della Sera, ANSA und Il Fatto Quotidiano ein Beschluss der Ermittlungsrichterin in Mailand, mit dem ein vorläufiger Vermögensarrest angeordnet wurde. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt gemeinsam mit den Carabinieri. Golem berichtete am 27. September 2026 auf Deutsch darüber.
Laut diesen Berichten lief der Betrug so ab:
- Am 23. Februar 2026 erhielt Paolo Molesini, damals Präsident von Fideuram, auf seinem Diensthandy eine WhatsApp-Nachricht von einer ihm unbekannten Nummer. Der Absender gab sich als Carlo Messina aus, Vorstandschef der Konzernmutter Intesa Sanpaolo, duzte ihn und schrieb im gewohnten Tonfall.
- Der angebliche Konzernchef kündigte eine vertrauliche Übernahme einer ausländischen Bank an, die wegen einer drohenden Indiskretion und der Börsenaufsicht über die Treasury von Fideuram laufen müsse.
- Kurz darauf rief ein angeblicher Anwalt einer großen internationalen Kanzlei an, den Molesini persönlich kannte. Nach Einschätzung der Ermittler wurde dessen Stimme mit KI geklont. Der echte Anwalt hatte mit dem Vorgang nichts zu tun.
- Es folgten laut La Verità elf Dokumente, darunter eine Vertraulichkeitsvereinbarung und eine scheinbar vom Konzernchef unterschriebene Vollmacht, plus die Kontodaten.
- Parallel wurde der Leiter der Zahlungsabteilung von jemandem angerufen, der sich als Vorstandschef von Fideuram ausgab und die kommenden Anweisungen des Präsidenten ankündigte. So bestätigten sich die Fälschungen gegenseitig.
- Innerhalb weniger Stunden gingen elf Überweisungen über insgesamt rund 95 Millionen Euro hinaus, vor allem auf Konten in China, Hongkong und Portugal.
Nach Auffallen der Anomalie aktivierte die Bank die internationalen Kanäle der Zusammenarbeit zwischen Banken. Laut ANSA stoppte Fideuram selbst rund 42 Millionen Euro auf chinesischen Konten, weitere gut 13 Millionen wurden per Gerichtsbeschluss in Portugal eingefroren. Wie hoch der verbleibende Schaden ist, wird unterschiedlich angegeben: Corriere della Sera nennt 36 Millionen Euro, ANSA und Open berufen sich auf die Akten mit 39,5 Millionen Euro. La Verità verweist auf den Halbjahresbericht von Fideuram, in dem 38 Millionen Euro als außerordentliche Belastung verbucht sind, ohne dass die Bank diese Summe dort ausdrücklich dem Betrug zuordnet.
Ein 48-jähriger israelischer Staatsbürger wird laut Corriere und Open als Beschuldigter geführt, wegen schweren Betrugs und Identitätsanmaßung. Rund 4 Millionen Euro sollen über Konten in Malta, Luxemburg und den Niederlanden sowie einen kanadischen Geldtransferdienst auf zwei Bitcoin-Wallets geflossen sein, die ihm zugeordnet werden. Ob die Identität echt ist oder nur eine weitere Zwischenstation, sollen Rechtshilfeersuchen klären. Molesini ist im März zurückgetreten.
Wer ist betroffen?
Direkt betroffen ist Fideuram. Die Mailänder Staatsanwaltschaft untersucht laut ANSA und Corriere aber mindestens zwei weitere Fälle mit ähnlicher Masche: Bei Banca Ifis wurde im Mai eine Managerin aus dem Steuerbereich über gefälschte E-Mails einer angeblichen Kollegin zu Zahlungen von rund 24 Millionen Euro gebracht, davon wurden laut ANSA etwa 20 Millionen zurückgeholt. Bei einem kleineren Institut geht es um rund 2 Millionen Euro. Ob dieselbe Gruppe dahintersteckt, ist offen.
Für deutsche Unternehmen ist die Übertragbarkeit hoch. Das Muster ist klassischer CEO-Fraud, auch Fake-President-Betrug genannt, ergänzt um zwei Verstärker: WhatsApp als scheinbar privater Kanal der Chefetage und eine KI-generierte Stimme einer bekannten Person. Besonders exponiert sind:
- Geschäftsführungen und Vorstände, deren Stimme in Interviews, Podcasts, Webinaren oder Social-Media-Videos öffentlich verfügbar ist.
- Buchhaltung, Treasury und Assistenzen, die Zahlungen auf Zuruf der Leitung ausführen.
- Unternehmen mit Konzernstruktur, in denen Anweisungen der Mutter an Töchter üblich sind und selten hinterfragt werden.
- KMU, in denen eine Person Onlinebanking-Freigaben allein erteilen kann.
Wie kritisch ist das?
Technisch ist der Fall weniger spektakulär, als die Summe vermuten lässt. Es gab keinen Einbruch in die IT der Bank, keine Schadsoftware und keine ausgenutzte Sicherheitslücke. Die Angreifer haben ausschließlich Menschen und Abläufe manipuliert: Zeitdruck, Geheimhaltung, Autorität und eine glaubwürdige Geschichte, die an eine reale, zuvor gescheiterte Übernahme erinnerte. Die geklonte Stimme war ein Baustein unter mehreren, nicht der alleinige Auslöser.
Offen ist, welche Rolle die Stimmfälschung genau spielte. Corriere della Sera und die meisten Berichte beschreiben die KI-Stimme beim Anruf des angeblichen Anwalts. Il Fatto Quotidiano schreibt zusätzlich von einem Anruf mit der geklonten Stimme des Konzernchefs. Die Details stammen aus Gerichtsakten, die nur über die Presse bekannt sind. Eine offizielle Stellungnahme von Fideuram oder Intesa Sanpaolo zum Ablauf lag bei Redaktionsschluss nicht vor.
Die Einordnung für Admins und Geschäftsführungen: kein Anlass für Panik, aber ein deutliches Signal, dass Stimme und Absendername als Identitätsnachweis ausgedient haben. Stimmklone brauchen heute nur wenige Sekunden Audiomaterial. Wer sich bisher auf „ich erkenne doch die Stimme“ verlassen hat, sollte das nicht mehr tun. Der Schaden entsteht in wenigen Stunden, deshalb zählt vor allem, dass eine Zahlung vor der Ausführung gestoppt wird.
Was sollten Admins jetzt tun?
- Freigaberechte inventarisieren: Im Onlinebanking und im ERP prüfen, welche Konten eine Einzelzeichnungsberechtigung haben und bis zu welchem Betrag. Einzelfreigaben ohne Limit für Auslandsüberweisungen abschaffen.
- Vier-Augen-Prinzip technisch erzwingen: Zahlungen ab einer festgelegten Schwelle nur mit zwei unabhängigen Freigaben, idealerweise über die Bank selbst abgebildet und nicht nur als Hausregel.
- Rückruf auf bekannte Nummer: Jede ungewöhnliche Zahlungsanweisung wird über eine Nummer aus dem internen Telefonbuch oder der Stammdatenpflege zurückgerufen, nie über die Nummer aus der Nachricht oder dem eingehenden Anruf.
- Codewörter vereinbaren: Für Geschäftsführung, Buchhaltung und Assistenz ein Kontrollwort oder eine Kontrollfrage festlegen, die nirgends digital gespeichert ist und regelmäßig wechselt.
- Kanalregel festlegen: Zahlungsanweisungen per WhatsApp, Signal, SMS oder privater Mail sind grundsätzlich ungültig. Das gehört schriftlich in die Zahlungsrichtlinie.
- Geheimhaltung als Warnsignal definieren: Wer zu Verschwiegenheit gegenüber Kollegen, Compliance oder der Buchhaltungsleitung aufgefordert wird, muss genau diese informieren dürfen, ohne Nachteile befürchten zu müssen.
- Neue Empfängerkonten bremsen: Erstüberweisungen an neue oder geänderte Bankverbindungen, besonders ins Ausland, mit Wartezeit und zusätzlicher Prüfung versehen.
- Notfallkontakt zur Bank klären: Hotline und Ansprechpartner für einen Rückruf von Überweisungen griffbereit halten. Im italienischen Fall war die schnelle Reaktion der Grund, warum mehr als die Hälfte der Summe zurückkam.
- Awareness gezielt schulen: Geschäftsführung und Buchhaltung mit konkreten CEO-Fraud-Szenarien trainieren, inklusive Anruf mit vertrauter Stimme. Allgemeine Phishing-Schulungen allein decken das nicht ab.
- Öffentliches Audiomaterial bewusst betrachten: Nicht verstecken, aber wissen, dass Aufzeichnungen von Vorträgen und Interviews als Vorlage für Stimmklone dienen können, und die Prozesse entsprechend absichern.
Einordnung für Unternehmen
Die Mailänder Staatsanwaltschaft warnt laut Corriere della Sera ausdrücklich vor der Haltung „uns kann das nicht passieren“. Der Fall zeigt, dass selbst ein Institut mit Compliance-Abteilung und rund 450 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen über seinen Präsidenten angreifbar war. Die Angreifer kannten Organigramm, Beziehungen und die jüngere Unternehmensgeschichte. Diese Informationen sind oft öffentlich zugänglich, etwa über Pressemitteilungen, Handelsregister und berufliche Netzwerke.
Für KMU ist die Lehre einfach und günstig umzusetzen. Es braucht keine neue Software zur Deepfake-Erkennung, deren Zuverlässigkeit ohnehin begrenzt ist. Wirksam sind klare Regeln: Zahlungen nie auf Basis eines einzelnen Kanals, zwei Freigaben ab einem Schwellenwert, Rückruf über bekannte Nummern und die ausdrückliche Erlaubnis, auch beim Chef nachzufragen. Diese Regeln sollten von der Geschäftsführung selbst vorgelebt werden, denn genau deren Autorität ist das Werkzeug der Angreifer.
Ergänzend lohnt ein Blick auf die Versicherungslage. Viele Cyberpolicen decken Social Engineering und Vertrauensschäden nur mit eigenem Baustein oder niedrigen Sublimits ab. Ob das bei Ihnen der Fall ist, sollte vor dem Ernstfall geklärt sein.
Passende Anleitungen auf S-EDV
- Security Awareness und Phishing-Simulation im KMU: So bauen Sie ein Schulungsprogramm auf, in das sich CEO-Fraud-Szenarien einfügen lassen.
- Phishing erkennen und melden: Leitfaden für Teams, der auch eine klare Meldekette für verdächtige Zahlungsaufforderungen festlegt.
- Vishing gegen Kanzleien: Ein weiterer aktueller Fall, in dem Angreifer per Telefon Vertrauen erschleichen.
Quellen
- Corriere della Sera (Mailand): Gefälschte WhatsApp-Nachricht und KI-Anruf beim früheren Fideuram-Präsidenten, 25.09.2026
- Corriere della Sera (Mailand): Beschuldigter, Geldfluss über Malta, Luxemburg, Niederlande und Bitcoin, Fall Banca Ifis, 26.09.2026
- ANSA: Betrug über 39,5 Millionen beim früheren Fideuram-Chef, ein Beschuldigter, 25.09.2026
- Il Fatto Quotidiano: Ablauf laut Ermittlungsbeschluss, aktualisiert 26.09.2026
- La Verità: Elf Dokumente, Zahlungsabteilung und Halbjahresbericht, 26.09.2026
- Golem: Gefälschte Stimme, Bank-Chef überwies wegen KI-Scam 95 Millionen Euro, 27.09.2026


