Anthropic Claude Mythos: Wie eine KI den Verschlüsselungsstandard AES anknackte
Anthropic hat mit Claude Mythos Preview zwei kryptografische Forschungsergebnisse veröffentlicht: einen verbesserten Angriff auf das Post-Quanten-Signaturverfahren HAWK und einen schnelleren Angriff auf eine reduzierte Version von AES. Produktivsysteme sind nicht betroffen, die Ergebnisse zeigen aber, wie schnell KI-Modelle in der Kryptoanalyse aufholen.

Für heute besteht kein Handlungsbedarf: Anthropic hat weder AES in seiner produktiv eingesetzten Form gebrochen noch eine Schwachstelle in einer verbreiteten TLS-Bibliothek veröffentlicht. Betroffen sind keine aktuellen Server, VPNs, WLANs, Backups oder Verschlüsselungsprodukte. Die Meldung ist trotzdem relevant, weil sie zeigt, dass KI-Systeme inzwischen neue kryptografische Angriffe finden können und damit die Prüfung von Verfahren deutlich beschleunigen.
Claude Mythos Preview entwickelte laut Anthropic weitgehend selbstständig einen verbesserten Angriff auf zwei Forschungsziele: HAWK, einen noch nicht eingesetzten Kandidaten für Post-Quanten-Signaturen, und eine absichtlich reduzierte Variante von AES-128. Für Administratoren lautet die richtige Reaktion daher nicht „AES abschalten“, sondern: eingesetzte Kryptografie inventarisieren, Updates weiterhin zeitnah einspielen und die eigene Krypto-Agilität planen.
Was Anthropic tatsächlich veröffentlicht hat
Anthropic veröffentlichte die Forschung am 28. Juli 2026. Claude Mythos Preview arbeitete in einer agentischen Testumgebung mit Rechenwerkzeugen, Fachliteratur und mehreren kooperierenden Worker-Agenten. Menschen gaben Ziele vor, prüften Zwischenergebnisse und validierten die Resultate anschließend ausführlich.
Das erste Ergebnis betrifft HAWK. HAWK ist kein verbreitetes Verschlüsselungsverfahren, sondern ein digitaler Signaturalgorithmus und Kandidat in NISTs Auswahlverfahren für zusätzliche Post-Quanten-Signaturen. Das Modell fand eine bislang nicht ausgenutzte Symmetrie im zugrunde liegenden mathematischen Gitter. Dadurch verbessert sich der bekannte Schlüsselwiederherstellungsangriff. Für die kleine Variante HAWK-256 sank der geschätzte Aufwand laut Anthropic von 264 auf 238.
Das zweite Ergebnis betrifft AES-128. AES verschlüsselt Daten über wiederholte Runden derselben Rechenfunktion. Vollständiges AES-128 nutzt zehn Runden. Der neue Angriff funktioniert ausschließlich gegen eine Forschungsvariante mit sieben Runden. Er benötigt außerdem ein Chosen-Plaintext-Szenario mit extrem vielen Verschlüsselungsanfragen. Das ist ein etabliertes Modell für Kryptoanalyse, aber kein realistischer Angriffsweg gegen normale Unternehmenssysteme.
Der wichtigste Punkt: AES ist nicht geknackt
Die Überschrift „KI knackt AES“ ist zu pauschal. Angegriffen wurde nicht das vollständige AES-128 mit zehn Runden, sondern eine reduzierte Sieben-Runden-Version. Solche Varianten werden absichtlich untersucht, damit Forschende Sicherheitsreserven des vollständigen Verfahrens besser einschätzen können. Die Arbeit ist damit ein Forschungsergebnis zur Kryptoanalyse, keine produktive Sicherheitslücke.
Der Angriff verbessert eine vorhandene Meet-in-the-Middle-Technik. Vereinfacht gesagt berechnet und speichert der Angreifer viele Zwischenwerte, um später schneller passende Kombinationen zu finden. Claude Mythos entwickelte dafür laut Anthropic einen Fingerprint namens „Möbius Bridge“. Dieser reduziert einen Suchschritt um den Faktor 256. Insgesamt soll der Angriff je nach Messmethode 200 bis 800 Mal schneller als die bisher beste bekannte Methode sein.
Auch mit dieser Beschleunigung bleibt der Angriff unpraktisch. Anthropic nennt für die Durchführung Kosten von mehreren hundert Millionen US-Dollar. Die Voraussetzung von 2105 frei gewählten Klartexten macht die Methode zusätzlich fern jeder normalen Betriebspraxis. Weder BitLocker noch TLS, WLAN-Verschlüsselung, VPN-Tunnel oder AES-verschlüsselte Backups müssen deshalb wegen dieser Veröffentlichung ersetzt werden.
Warum HAWK trotzdem ein wichtiges Signal ist
Bei HAWK ist die Lage anders, aber ebenfalls nicht akut: Das Verfahren ist ein Kandidat, kein breit eingesetzter Standard. Genau dafür gibt es den öffentlichen NIST-Auswahlprozess. Neue Verfahren werden über Jahre von Forschenden geprüft, angegriffen, verbessert oder verworfen, bevor sie in produktive Standards gelangen. Dass ein Kandidat unter Druck gerät, ist kein Scheitern der Post-Quanten-Kryptografie insgesamt, sondern ein gewünschter Teil des Auswahlverfahrens.
Die Schwachstelle betrifft laut Anthropic HAWK spezifisch. Andere NIST-Kandidaten für Post-Quanten-Signaturen sowie gitterbasierte Kryptografie im Allgemeinen sind nach den vorliegenden Angaben nicht betroffen. Wer aktuell ML-KEM, ML-DSA oder andere standardisierte beziehungsweise ausgewählte PQC-Verfahren bewertet, sollte aus dem HAWK-Ergebnis keine pauschale Sicherheitswarnung ableiten.
Relevant ist vor allem die Geschwindigkeit: HAWK hatte zwei Jahre menschlicher Fachprüfung überstanden. Mythos verbesserte den Angriff laut Anthropic in etwa 60 Stunden Arbeitszeit. Das zeigt, dass KI künftig bei der Suche nach strukturellen Schwächen eine zusätzliche Prüfinstanz werden kann. Umgekehrt werden Hersteller und Standardisierungsgremien ihre Verfahren schneller und breiter gegen solche Analysen testen müssen.
Wie autonom arbeitete Claude Mythos wirklich?
„Vollständig autonom“ wäre irreführend. Mythos erzeugte Hypothesen, sichtete Literatur, führte Experimente aus, entwickelte Angriffsansätze und setzte Verifikationsschritte um. Menschen bauten jedoch die Testumgebung, gaben strategische Hinweise und prüften das Ergebnis. Bei AES brauchten laut Anthropic zwei Forschende anschließend fast einen Monat, um genug Vertrauen in die Korrektheit der Methode zu gewinnen.
Diese Trennung ist entscheidend. Ein Modell kann neue Ideen liefern, aber eine kryptografische Behauptung wird erst durch unabhängige mathematische Prüfung, reproduzierbaren Code und fachliche Begutachtung belastbar. Anthropic veröffentlichte technische Arbeiten zum HAWK- und AES-Angriff sowie Demonstrationsmaterial. Das Unternehmen gab an, die HAWK-Autoren bereits im Juni informiert und die Veröffentlichung mit der NIST-Mailingliste koordiniert zu haben.
Was sollten Admins jetzt tun?
- Keine Notfallmigration wegen AES auslösen. Das veröffentlichte Ergebnis betrifft kein vollständiges AES und keine produktiv eingesetzte AES-Implementierung.
- Kryptografie inventarisieren. Dokumentieren Sie, wo TLS-Zertifikate, VPNs, WLANs, Festplattenverschlüsselung, Datenbanken, Backups und Signaturen eingesetzt werden.
- Unterstützte Standardbibliotheken nutzen. Halten Sie Betriebssysteme, OpenSSL, Browser, VPN-Gateways, Backup-Software und Firmware aktuell. Reale Risiken entstehen häufig durch Implementierungsfehler, veraltete Bibliotheken oder schwache Konfigurationen.
- Keine eigenen Kryptoverfahren bauen. Nutzen Sie etablierte Bibliotheken und Herstellerstandards. Selbst entwickelte Verschlüsselungslogik ist wesentlich riskanter als die hier behandelte Forschungsarbeit.
- PQC-Roadmap planen. Prüfen Sie bei langfristig betriebenen Systemen, ob Hersteller hybride oder Post-Quanten-Verfahren unterstützen. Das betrifft besonders Public-Key-Infrastrukturen, externe Schnittstellen, Archivdaten und Geräte mit langer Laufzeit.
- Abhängigkeiten bei Beschaffung abfragen. Fragen Sie bei neuen Firewall-, VPN-, PKI-, Backup- und Cloud-Produkten nach Krypto-Agilität. Algorithmen und Schlüssellängen müssen ohne Komplettmigration wechselbar sein.
- Externe Signaturen beobachten. HAWK ist derzeit kein Anlass, bestehende Zertifikate auszutauschen. Beobachten Sie aber NIST-Entscheidungen und Herstellerhinweise zu PQC-Produkten.
- Forschung von Advisories trennen. Ein Forschungsbericht ist kein Security Advisory. Reagieren Sie erst operativ, wenn Hersteller oder CERTs konkrete betroffene Produkte, Versionen und Abhilfen nennen.
Einordnung für kleine und mittlere Unternehmen
Für die meisten Unternehmen bleibt die praktische Priorität unverändert: Mehrfachfaktor-Authentifizierung, Patch-Management, sichere Backups, Rechtekonzepte und aktuelle TLS-Konfigurationen schützen heute deutlich besser als eine vorschnelle Algorithmusmigration. Ein schwaches Passwort, ein ungepatchter VPN-Zugang oder eine alte Kryptobibliothek sind reale Angriffsflächen. Der beschriebene Sieben-Runden-AES-Angriff ist es nicht.
Langfristig sollte die Meldung jedoch auf die Architektur-Roadmap. Verschlüsselung wird nicht nur durch Quantencomputer, sondern künftig möglicherweise auch durch leistungsfähigere KI-gestützte Kryptoanalyse schneller überprüft. Systeme, die Algorithmen, Zertifikate und Schlüsselmaterial austauschbar halten, sind dafür besser vorbereitet als fest verdrahtete Eigenentwicklungen.
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